Der Brexit in Schottland

Ceilidhs in der Royal Mile – Ein paar schottische Stimmen zum Brexit

(31.01.2021) Der Brexit feiert heute Jubiläum. Vor genau einem Jahr ist das Vereinigte Königreich, als erster Mitgliedsstaat, aus der EU ausgetreten. Ich habe zu der Zeit einen Erasmus-Austausch an der University of Edinburgh gemacht. Als vorerst letzte Generation, der das möglich war. Vor Ort habe ich ein paar Stimmen gesammelt und die schottische Perspektive auf den Brexit eingefangen. 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Wochen habe ich am Rande der Stadt bei Lily gewohnt. Lily hat auch einen Erasmus-Austausch gemacht. Genau andersherum, von Schottland nach Deutschland. Berlin hat sie sehr beeindruckt, erzählt sie als sie mir ihr Mitbringsel, einen Bildband von verlassenen heruntergekommen Gebäuden, zeigt. Sie hält nichts vom Brexit. „Wie alle Schotten“, sagt sie. Ihr Freund Oliver sagt nichts. Er ist Engländer. Kim meint, man rede hier nicht so viel über Politik. Nur bei dem Referendum über Schottlands Unabhängigkeit damals, da hat sie ihre Freunde gefragt was sie wählten.

Katrin gehört der Second Hand Shop direkt unter meiner Wohnung. Als ich das erste mal da war, bügelte sie gerade Kleider in der hinteren Ecke ihres Ladens. Wenn nicht so viel los ist, quatschen wir. Sie kommt eigentlich aus der Schweiz, aber ist nun schon seit 15 Jahren in Schottland. Ob es der schottische oder schweizerische Akzent ist, weshalb ich ihr deutsch kaum verstehe, ist nicht mehr auszumachen. Sie mag, dass man in Deutschland und der Schweiz auch über Politik und ernstere Themen sprechen kann. Hier bleibe alles immer eher an der Oberfläche. Das nerve sie. Also bietet sie mir an zu ihr kommen zu können, wenn ich das mal brauche. Ihr Freund ist Amerikaner. Wenn sie mit ihm spricht denkt sie wir hätten keinen Einfluss. Einmal fragt sie: „Sind die da oben nicht alle Marionetten?“.  

Als ich mit meiner Freundin Ruby auf dem Weg in ein Café bin, um ihre Freunde kennen zulernen, ist sie verwundert. Sie verstehe nicht wieso alle behaupten die Schotten würden nicht über Politik reden. Sie würden das die ganze Zeit tun. Über den Brexit jedenfalls nicht, stellt sich später heraus. „Wir sind einfach langsam genervt. Das ist doch nur noch lächerlich“, sagt ein ehemaliger Politikwissenschaftsstudent und zeigt mir ein Foto vom Abgeordneten Jacob Rees-Mogg, der sich während einer Brexit Debatte auf der Parlamentsbank ausbreitete und sich schlafend stellte. Die einzige Lösung könne doch nur noch Schottlands Unabhängigkeit sein. „Aber das ganze Geld kommt doch aus London. Das geht nicht.“ – „Viel Geld kommt auch von der EU.“ – „Wir wären nichts ohne London, ohne England.“ entgegnete die Engländerin in der Gruppe: „Wir sind doch UK viel näher als der EU, auch kulturell. Das kannst du nicht abstreiten“.

Ruby ist Leistungssportlerin. Wenn sie für Schottland läuft, bemalt sie ihre Nägel in dem blau der schottischen Flagge. Für UK läuft sie nicht so gerne. Sie ist in erster Linie Schottin. Dass ihre englische Freundin gegen Schottlands Unabhängigkeit ist, kann sie verstehen. Es wäre dann ja auch viel schwerer ihre Familie in London zu besuchen. Für manche ihrer Freunde bedeutet der Brexit aber auch, dass sie weg müssen. Einer hat nun die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, um Teil der EU bleiben zu können.

Mein Professor Mr. Williams ist gegen der Brexit. Er ist links, das sagt er ganz offen. Es vergeht keine Vorlesung ohne dass er sich über England lustig macht. Man solle ja nicht tanzen, wenn Menschen sterben, aber als Margret Thatcher starb, gab es Ceilidhs in der Royal Mile. Eine traditionell schottische Tanzparty, in der wohl berühmtesten Straße Edinburghs, ist nicht gerade ein Ausdruck von Trauer. Dennoch sei Thatcher kein Vergleich zu David Cameron. Denn er ist für ihn der schlechteste Premierminister aller Zeiten. Er hätte nicht deutlicher machen können für wie falsch er es hielt, das Brexit-Referendum zu initiieren. Als er den Vorlesungsplan vorstellt sagt er, was auch immer am 31. Oktober passieren wird, wir werden hier sitzen und eine Vorlesung haben. Er macht viele Witze, nur dabei klingt er ernst.

Ella interessiert sich nicht so sehr für Politik. Sie findet es schade, dass die Stimmung so aufgeheizt ist. In ihrem Instagramfeed posten alle ihre Meinung, das gefällt ihr nicht. So einfach sei das mit dem Brexit nicht. Man müsse ja auch die wirtschaftlichen Aspekte sehen. Sie weiß nicht genau wen sie bei der britischen Unterhauswahl wählen soll. Am Ende geht sie nicht wählen.

Ein Tag nach der Wahl steht im Scotsman: „If it felt like the most important election in a generation didn’t matter, it’s because a now tired lesson was confirmed: you can’t push a binary constitutional issue through the world’s oldest parliamentary democracy. The machinery is too delicate; things break.”

 

*Die Namen wurden geändert

Von Dorothée Falkenberg